Abirede Schulleiter

Es ist geschafft! Einen neunjährigen Weg durch das Gymnasium haben Sie erfolgreich abgeschlossen. Dazu Ihnen und Ihren Eltern meinen herzlichen Glückwunsch!

Wenn ich sage: erfolgreich, so begebe ich mich sprachlich auf eine bestimmte Ebene. Ein Erfolg ist eine Sache des Meßbaren. Meßbar an diesem Abitur ist, daß unsere Schule im Jahre 1981 die Zahl von 131 Abiturienten hervorgebracht hat, die der Gesellschaft zur zweckmäßigen Verwendung zur Verfügung steh en. Maßbar ist für jeden einzelnen von Ihnen das in Punkten und Durchschnittsnote sich niederschlagende Ergebnis, das er in diesem neunjährigen Bildungsweg erzielt hat.

Der meßbare Erfolg ist in unserer Welt von enormer Bedeutung. Wenn unsere Schule mit dem Mittel aller von Ihnen erzielten Durchschnittsnoten auffallend abwiche von der im Lande durchschnittlich erzielten, so würde ich als der verantwortliche Schulleiter sicherlich von der Schulbehörde um besonderen Bericht darüber gebeten, wieso es zu dieser abnormen Abweichung gekommen sei. So gesehen, haben Sie alle uns mit Ihren guten und weniger guten Leistungen zu einer Schuldurchschnittsnote verholfen, die uns gänzlich einbettet ins beruhigende Normale. Inwieweit die erzielten Punkte und die Durchschnittsnote für jeden einzelnen von Ihnen von Bedeutung sind, brauche ich hier nicht ausführen.

Auch wenn der meßbare Erfolg für Sie in Ihrer Abhängigkeit von den Tendenzen der Zeit eine wichtige Seite des Abiturs ist, für viele vielleicht sogar die wichtigste, so sollte eine Stunde wie diese nicht vorübergehen ohne eine Besinnung, was außer dem Genannten für Sie am Abitur noch wichtig ist.

Der wichtigste 'gesellschaftliche Auftrag des Gymnasiums ist es, seine Schüler' zur Studierfähigkeit zu führen. Das Zeugnis das Sie gleich bekommen, erklärt Sie für fähig, an einer Hochschule zu. studieren. Nun können wir in den Medien beängstigend oft hören und lesen, was von den verschiedensten Experten über die Abiturienten hinsichtlich ihrer Studierfähigkeit gesagt wird. Hochschullehrer die es ja am besten wissen müssen, beklagen den Niveauverlust der Abiturienten. Sie sehen Gefahren für den Rang der deutschen Wissenschaft und die Qualität der akademischen Berufsausbildung. Besonders gravierende Mängel im Umgang mit der deutschen Sprache, in Fremdsprachen, in Mathematik und naturwissenschaftlichen Fächern haben sie bei den Abiturienten festgestellt. Der Ingenieurverband setzt sich ein für mehr Technikunterricht an den Schulen. Er befürchtet, daß durch den Mangel an Bereitschaft, Technik zu akzeptieren und zu studieren, das gesamte sozioökonomische System der Bundesrepublik in Gefahr gerate. Eine eher erheiternde Kritik kommt aus den Reihen von Medizin-Professoren: Sie beklagen die Gedächtnisschwäche vieler Abiturienten, die möglicherweise eine Spätwirkung davon sei, daß in der Schule keine Gedichte mehr auswendig gelernt würden. Überwiegend wird von den Kritikern die frühe Spezialisierung der Schüler in der differenzierten Oberstufe für falsch gehalten und ein besseres Grundwissen der Abiturienten gefordert.

Auch wenn bei diesen kritischen Äußerungen Interessengruppen mit ihrer Ideologie und ihren gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Absichten im Spiele sind, wir können nicht einfach sagen, das alles sei falsch oder bösartig übertrieben. Ich selber bin auch in diesem Jahr wieder in von den Prüfern sorgfältig vorbereiteten Deutsch-Prüfungen Schülern begegnet, die dumpf, gänzlich unerleuchtet und hilflos vor aussagekräftigen, von deutlichen formalen Charakteristika bestimmten literarischen Texten saßen. Ich habe allerdings auch Deutsch-Prüfungen erlebt, die geistige Beweglichkeit, Klarheit der Begriffe, Formulierfähigkeit in einem Maße erkennen ließen, daß sie sich auch vor fast dreißig Jahren, als ich als Lehrer anfing, hätten sehen lassen können. Viele Fragen wirft also diese Seite des Abiturs auf, die ich hier nicht erörtern kann. Hoffen wir, daß viele von Ihnen der amtlichen Bescheinigung der Studierfähigkeit auch die Bewährung in der akademischen Welt folgen lassen.

Die Studierfähigkeit hat jedoch nicht nur einen gesellschaftlichen Aspekt. Das Absolvieren eines Studiums muß auch gesehen werden unter dem Gesichtspunkt der Selbstfindung, der Selbstverwirklichung des einzelnen.

Selbstfindung ist keineswegs ein Prozeß, der auf die Schule beschränkt wäre. Das Elternhaus, die sonstige Umwelt, das persönliche Schicksal sind dabei nicht weniger gewichtige Faktoren. Die Sensibilisierung durch die Schule jedoch macht den jungen Menschen besonders empfänglich für Erkenntnisse, Einsichten, Wahrnehmungen, Erfahrungen, die dazu beitragen, daß er zu sich selbst kommt. Insofern waren Sie alle privilegiert, sich in einem langjährigen schulischen Mußedasein der Selbstfindung intensiv und bewußt widmen zu können. Sich selbst finden, zu sich selbst kommen heißt, sich seiner Eigenart bewußt werden. Die Schule half Ihnen dabei, indem sie versuchte, geistige Interessen in Ihnen zu wecken. Denken Sie einmal an die Zeit zurück, als Sie in den Klassen neun oder zehn waren: Viele von Ihnen hatten kaum geistige Interessen; Sie wußten so wenig, was in Ihnen steckte, daß man Sie mit der Frage nach Ihren beruflichen Vorstellungen in Verlegenheit gebracht hätte. In der Oberstufe kamen viele von Ihnen über die Möglichkeit bestimmte Fächer zu wählen, bestimmte Fächer abzuwählen, zwei Fächer als sogenannte Leistungskurse sogar mit einem Akzent zu versehen, allmählich dazu, sich darüber klarzuwerden, wo Ihre besonderen Fähigkeiten liegen; Sie machten die Erfahrung, daß die Beschäftigung mit diesem oder jenem Wissensgebiet Ihren Neigungen besonders entgegenkommt. Es entstanden Vorstellungen und Wünsche, in dieser oder jener Richtung eines Tages beruflich tätig sein zu wollen. In vielen Fällen ging von diesen Erfahrungen und Wünschen so viel Motivation aus, daß aus dem mittelmäßigen Schüler der Mittelstufe in der Oberstufe ein guter Schüler wurde. Das ließ nicht nur sein Punktekonto in der Schule erfreulich anwachsen, es gab ihm auch mehr Vertrauen zu sich selbst.

Zur Selbstfindung gehört die Entwicklung eines Verantwortungsbewusstsein. Mußten viele von Ihnen in der Mittelstufe noch von ihren Eltern angehalten oder gar dazu getrieben werden, ihren schulischen und sonstigen Verpflichtungen eher widerwillig nachzukommen, so änderte sich das bei manchem in der Oberstufe: Er. bedurfte des äußeren Zwanges immer weniger; er kam seinen Pflichten auch nicht mehr vorwiegend widerwiliig nach, sondern gab sich Rechenschaft über sein Tun und Lassen,und verstand es zunehmend besser, den einzelnen Aufgaben den ihnen zukommenden Stellenwert zu geben.

Der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen. So kann es Selbstfindung nur geben in der Bezogenheit des einzelnen auf die Gesellschaft. Die Schule bemühte sich, Ihnen näherzubringen, welche Ideen das Lebender Gesellschaft und das Lebeh'des einzelnen in seinem Verhältnis zur.Gesellschaft bestimmen. Wichtige, große, Fragen kamen in Ihren Blick: Fragen nach Machtstrukturen und Herrschaftsverhältnissen in der,Gesellschaft, nach persönlicher und gesellschaftlicher Freiheit,,nach,dem, was im Zusammenleben der Menschen unter Gerechtigkeit zu verstehen ist. Sie lernten unterscheiden und werten. Es wurde Ihnen deutlich, wie komplex die gesellschaftlichen Probleme des Menschen meist sind. Wir konnten Ihnen nicht immer Antwort geben auf diese Fragen. Mancher von Ihnen hat längst begriffen, daß die wichtigsten und bedeutendsten Fragen am,schwersten oder gar nicht zu beantworten sind. Die Antwort liegt vielmehr oft in ganz persönlichen Entscheidungen des,einzelnen,.die für die Richtung und die Art seines Lebens von Bedeutung sind.

Nun stehen Sie mit dem, was Sie gelernt und aus sich gemacht haben vor der Aufgabe, Ihre Zukunft zu gestalten. Ich wähle bewußt das Wort gestalten, um gerade in unserer technisierten Welt mit all den Machern, ohne die es nicht mehr zu gehen scheint, den schöpferischen Charakter dieser Sache zum Ausdruck zu bringen. Da Sie überwiegend wohl nicht an Auswandern denken, sondern in unserem Lande nach Amt und Würden streben, liegt Ihre Zukunft darin,,was für ein Leben Sie in unserer Gesellschaft führen wollen und führen können. Es wäre im Rahmen dieser Ansprache eine Vermessenheit, wollte ich auch nur den geringsten Versuch machen, zu einer Analyse unserer Gesellschaft anzusetzen, wie gut oder wie schlecht unsere Gesellschaft ist, darüber gibt es unterschiedliche Meinungen. Der „way of life“ dieser Gesellschaft in der Nachkriegszeit ist jedoch die große objektive Macht, auf die jeder von Ihnen bezogen ist. Jeder von Ihnen muß sich mit ihr auseinandersetzen, für jeden von Ihnen liegt 'in dieser Auseinandersetzung seine Zukunft. Sie können nur mit Hoffnung leben, wenn Sie in Ihrem individuellen und gesellschaftlichen Leben einen Sinn sehen. Nur dieses Bewußtsein von Sinn gibt Ihnen die Lust und die Kraft, Ihrem Leben eine Gestalt zu geben, die Sie einigermaße befriedigt oder gar erfüllt.

Max Frisch, dessen Roman "Stiller' manche von Ihnen in der Schule kennengelernt haben, berichtet in seinem "Tagebuch"'über eine Diskussion mit Züricher Studenten, die von seinen Stücken "eine Lösung" erwarten; und Frisch notiert dazu: "Als Stückeschreiber hielte ich meine Aufgabe für durchaus erfüllt, wenn es einem Stück jemals gelänge, eine Frage dermaßen, zu stellen, daß die Zuschauer von dieser Stunde an ohne eine Antwort nicht mehr leben können ohne ihre Antwort, ihre eigene, die sie nur mit dem Leben selber geben können."

Ich hoffe und wünsche, liebe Abiturienten, es ist unseren Lehrern gelungen, die eine oder andere Frage so zu stellen, daß viele von Ihnen ohne eine Antwort nicht mehr leben können. Dann wäre unsere Arbeit über alle Zwecke hinaus auch im Bereich des Sinns nicht vergeblich gewesen.

R. Schlabach